Draussen schüttet es gerade. Schon seit Stunden regnet es ununterbrochen. Solchen Regen in so dauerhafter Konsistenz habe ich bisher selten erlebt. Tausende dünnerer und dickerer Bindfäden hangeln sich ununterbrochen von den Wolken auf die Stadt herab und auf der Strasse gurgeln ganze Bäche die kurze Anhöhe hinunter. Von draussen her prasselt ein angenehmer Laut in mein Zimmer herein; ideal, um wieder etwas in meinem Blog zu schreiben!
Bitte entschuldigt, dass ich schon lange nichts mehr geschrieben habe. Soviel war los, die Schule und das Level, das ich besuche, sind sehr anspruchsvoll. Meistens habe ich abends weder Lust noch Musse, lange Einträge zu schreiben… Heute Abend fühle ich mich aber sehr motiviert, wieder einmal zu schreiben. Kann das sein? Liegt es vielleicht am Wetter? Nun, die Sonne schien, bis auf ein paar kurze Ausnahmen, praktisch jeden Tag hier in Vancouver. Jetzt sind für diese Woche Regen und merklich kühlere Temperaturen vorausgesagt. Das heisst, anstelle T-Shirt, Bermudas und Sonnenbrille sind nun Jacke, lange Hose und Schirm angesagt
Leute, viel ist passiert in den letzten Wochen! Nur ganz kurz eine Zusammenfassung im Zeitraffer: Ich war in grungy Seattle, in den felsigen Rockies, auf einem Gletscher spaziert, beim Kayaken Seehunde und Seesterne „gejagt“, wundervolle Parks besucht, diese kreuz und quer durchwandert oder einfach kurzweilige Museen besucht, war im Kino, habe Wasserflugzeuge starten und landen gesehen, danach über (7) Hängebrücken balanciert, Squirrels aus der Nähe studiert, neugierige Bären verfolgt, äsende Hirsche gesucht, 3 sprudelnde Feuerwerke erlebt, auf einem Partyschiff hinaus in die Bucht gefahren, einen laaangweiligen Footballmatch verfolgt, mir am Strand einen Sonnenbrand geholt, die Schulter gezückt und dann dem Sonnenuntergang zugeschaut, lukullischen Fischspezialitäten aus Japan, Korea, China, Südamerika, den amerikanischen Südstaaten, Kanada und Frankreich, gefrönt, dabei neue Leute getroffen, alte mitgenommen, wir haben gesoffen, gequatscht, gelacht, Karaoke gesungen, über Gott und die Welt nachgedacht! Yeah… und in die Schule bin ich auch gegangen! Und viel, ganz viel gelernt. Ja. Uff.
Versteht ihr jetzt, warum ich nicht schreiben konnte? ;-)
Sieben Wochen sind jetzt vergangen.Nun bin ich der letzten Woche bei meiner Gastfamilie. Habe ich euch nicht
erzählt, wie zurückhaltend die änfänglich zu mir gewesen sind? Und was für komische Regeln die hatten, an die man sich halten sollte? Oder zum Beispiel die Zettelchen, die Rita überall anheftet,
wenn sie mir etwas mitteilen wollte? Wie furchtbar eintönig das Frühstück war, so dass ich Nutella, Joghurt und Frischkäse (und manchmal sogar Brot oder Milch besorgen musste, weil es entweder
faul, sauer oder schlichtweg nicht vorhanden war)? Oder dass sie mich nicht bügeln lassen wollen, weil frühere Studenten mal zu dumm gewesen waren, ihr eigenes Hemd zu bügeln und dabei ein Loch
in das Bügelbrett brannten? Nun muss ich stattdessen zum Reinigungsservice gehen und meine Hemden für $3.50 bügeln (leider inkl. Reinigung) lassen, nur weil sie nicht bügeln wollen.
Nun… das ist immer noch so.
Vielleicht haben die Zettelchen mit der Zeit nachgelassen und Rita und Hans sind auch nicht mehr so zurückhaltend. Ich habe sie richtig lieb gewonnen, diese beiden kauzigen alten Leute! Und wir
reden mittlerweile viel miteinander. Wenn es um bestimmte Themen geht, die sie interessieren, wie Flugzeuge zum Beispiel. Oder die Olympiade oder Fischgerichte, dann werden sie sogar richtig
gesprächig und wir können uns dann ziemlich lange über das chinesische AthletInnenteam lustig machen! Ich mochte Hans’ Art, sarkastisch zu sein und seine Begeisterung für den Modellflug und
Ritas’ Geschäftigkeit und ihre britische, vornehme Art. Sie erinnerte mich sehr an’s Nani. Ich werde die Beiden echt vermissen. Das Abendessen war immer sehr gesund! Es gab Kartoffelstock,
Kartoffelmus, Kartoffelgratin, Pellkartoffeln, Salzkartoffeln, Süsskartoffeln (die sind lecker) und dann und wann auch mal Pommes! Nur Rösti, die gab es nicht. Die wissen nicht recht, wie man das
zubereitet – vielleicht habe ich es auch ein bisschen scary erklärt, wie man die Rösti wendet… Nun, mich lassen sie auch nicht an den Herd – na, weil ein Student mal ein Loch in die Decke
gebrannt hat! ;-) Nein, jetzt übertreibe ich. War wirklich eine tolle Zeit mit den Hansons! Das einzige, was ich nicht vermissen werde hier, ist das Internet! Wirklich absolut mühsam. Ich glaube,
trotz aller Ausreden, das war der hauptsächliche Grund für mein Nicht-Schreiben. Gerade will ich diesen Text uploaden… zum ko&%“#en!!!
Auch die Schule ist bald zu Ende. Viele tolle Leute, die ich zu Beginn kennen gelernt habe, gehen bald oder sind bereits nach Hause gegangen, wie Dimitry, Margit, Caroline, Pierre, Natalya, Viviana, Anna oder Judith. Neue Freunde mache ich zur Zeit nicht mehr so viele, weil ich bald die Schule verlassen werde. So geniesse ich die Zeit mit denjenigen, die ich (noch) kenne. Bereits vor zwei Wochen habe ich mir eine kanadische Flagge gekauft und jedes Mal, wenn ich mich gerade daran erinnere, bitte ich die Leute, ob sie mir nicht kurz etwas auf die „Fahne malen“. Ist so etwas wie Tradition bei vielen StudentInnen aus Südamerika. Ich fand das ganz witzig und bin nun auch dem Sprüchesammeln verfallen! Vielfach im Ausgang oder auf einem Ausflug werden dann Fahnen gezückt (ich frage mich, wie die Leute nach einer Runde Fahnen unterschreiben noch erkennen, welches ihr eigener Wimpel ist???) und in wildem Reigen, Gestikulieren und Kommentieren werden dann, nicht wenige schütten dann noch Bier darüber (darum: man nehme wasserfesten Filzstift) und reichen diese dann an die/den Copañera/Compañero weiter. Natürlich durfte ich auch mein Bier dazugeben! Meistens schreibe ich dann etwas auf Schweizerdeutsch – weil meine Leute ja auch auf Portugiesisch oder Spanisch schreiben! Es kommt dann auch vor, dass ich zur Freude aller vorlesen muss, was die geschrieben haben – naja, Schweizerdeutsch ist noch witziger zum Vorlesen…
Gestern hatte ich ein Date! Mit der Mexikanerin Paula, von der ich fast schon geglaubt habe, dass wir uns vollständig aus den Augen verloren hätten! Wir trafen uns zufällig im Bus und kamen wunderbar ins Gespräch. Beim Verabschieden einigten wir uns, dass wir uns bald wieder treffen würden. Es war ein toller Nachmittag. Wir tranken „Boba“ ein japanisches Teegetränk (mit Geleebohnen drin; furchtbar, aber lustig zu trinken), tranken Kaffee auf der Terrasse der Kunstgalerie Vancouvers, mitten in der Innenstadt und hatten ein paar tolle Diskussionen. Auch sie werde ich vermissen. Hoffentlich bleiben wir Brieffreunde. Wieder jemand mehr auf meiner „Fahne“ ;-)
Whow – im Word sind das schon wieder fast zwei volle A4-Seiten Text! Fotos werden bald welche folgen, denn ich will die noch uploaden, bevor ich hier in Vancouver abreise. Am Sonntag werde ich erst einmal für ein paar Tage in die Wildnis ziehen. 5 Tage im Urwald an der Westküste Vancouver Islands. 12 km Strand, viele kleine Buchten, Hunderte Inselchen, Quadratkilometerweise unberührten Nationalparkwald, Schwarzbären, Waschbären, Brombären, ein paar Gummibären und ich. Und übernächste Woche treffe ich ein paar alte Seebären auf dem Kreuzfahrtschiff!
Freumichdrauf! Hoffentlichistbisdanndaswetterwiederbesser!
Uffwiedasdraussenprasseltwieeingequassel!
Ceeee ya!